Unterbarmen

Wuppertaler Kommunikation

Es ist schon die typische Bergische Eigenart, die uns im Tale und auf den Höhen darüber geprägt hat. Dem Bergischen im Allgemeinen sagt man vieles nach, was zwar durchaus auch auf andere Missmutige im ausgehenden Leben zutrifft, aber nur hier haben wir die Querköppe eben so schön präsent vor der Nase.

Trifft der Barmer in Barmen einen Barmer Bekannten „Vom Sehn“ auf dem ihn deprimierenden, „Weil nix is wie et war“-Werth, dann begrüßt der den „Stammesbruder“ mit dem lakonischen „Wie isset?“. Im Normalfall, bei positiver Gesinnung, kommt ein „Et mot“ zurück. Tieferes Interesse am Bruder im Wesen zeigt der Antwortende durch „..un bie deck?“ auf. Sollte nicht gerade eine besondere Form der Zuneigung vorliegen, dann ist hier fast Schluss mit Lustig. Ein „Et mot!“ leitet dann schon das Ende des von weniger Zuneigung geprägten Dialoges ein.

Käme ein Zusatz zur Antwort „Et mot...“ wie etwa: „woar biem Dokter...“ dazu, will der Antwortende sich intensiver mitteilen, eine freundschaftlichere warme Atmosphäre meint man im Raum Barmen die trostlose Innenstadt erwärmend zu spüren.

Das Eis ist gebrochen, der Asphalt gibt seinen Untergrund frei, wenn das ernsthafte Interesse des Fragestellenden dann wieder zu erneutem Fragestellen ermuntert. „Wat is“ als erneute Gegenfrage bedeutet weniger Teilnahme. Ein bestätigendes „Hau, wat hässe?“ läßt auf das vertraute Gespräch zwischen eineiigen Zwillingen schliessen.

Da es immer mehrere Wege zum Ziel gibt, diese aber auch von den beiden Kommunikationspartnern bewusst oder mit Bergischem Charme eher Zufällig gesteuert werden können, entsteht an dieser neueren Kreuzung in die Beredsamkeit ein sekundenlanges Ausharren, wie vor einer auf Gelb geschalteten Ampel. Hier und jetzt entscheidet sich nun alles, kommt es zum Austausch von neuesten Diagnosen nach der letzten Hafenrundfahrt, gemeinhin auch als Prostatavorsorgeuntersuchung genannt, oder ist das in den Gehirnwindungen des Antwortenden befindliche Reservoir an Diagnosen zu prekär.

„Se is wat größer, muss mir aber keine Sorgen machen“ soll nun aber die positive Einstellung zum Urologen des Vertrauens einerseits, andererseits die Bergische „es wird schon gut gehn“-Mentalität und die damit verbundene „ich hab meine Pflicht beim Dokter gewesen zu sein erfüllt“.

Nun fühlt sich damit der Fragesteller auf seine mindestens jährliche Pflicht der Vorsorgeuntersuchung hingewiesen. „Eck müssten auch noch...“, demonstriert die männliche Planungsqualität „Im Krankenhaus sind wir alle gleich, vor allem auf der Urologischen“.

Sollte nun alles gesagt sein, gehen zwei nun eher freundschaftlich verbundene „Kenn ich vom Sehn“ Barmer ihrer Wege. Was nicht ausschliesst, dass sie sich beim „über den Weg laufen“ bei einer Tasse Kaffee im Kaffeefachgeschäft mit Ausschank nicht mehr mit dem Ar... ansehen.

Aber so isse der Barmer.

Dramatischer ist es wenn sich ein Barmer ähnlich sozialer Verbundenheit mit einem Elberfelder, sagen wir mal in Elberfeld, über den Weg läuft. Um es hier abzukürzen, dann gucken sich diese im ertappten Feindesland erwischte, auch hier nicht mit dem Ar... an. Bestenfalls kommt es zu einem stummen Nicken, dann verstohlenen Wegsehen. Schlimmstenfalls, bei Annäherung auf größerer Entfernung, wechselt man die Strassenseite.

Der Hit ist aber wenn sich diese beiden nun im Ausland, sagen wir mal..., Bayern oder Greetsiel treffen. Greetsiel ist ja nun die anerkannt nördlichste Enklave der Wuppertaler. Das ostfriesische Dörfchen hat eine ungeheure Anziehungskraft auf die Bergischen Dickschädel. Treffen sich zwei Kraftfahrzeuge mit Wuppertaler Kennzeichen auf der Landstrasse wird dies mit reiner Kenntnisnahme abgehakt. Diese Fahrer, nebst Anhang in einer Teestube getroffen, sitzen üblicherweise auch ohne Aufnahme von Grenzverhandlungen herum. Hier ist das geballte Auftreten der Talbewohner für Kontakte zu groß.

Jetzt aber in entlegeneren Teilen der Welt, in Bayern zum Beispiel. Der Wuppertaler hält beim Befahren der Strassen außerhalb Wuppertals immer ein Auge auf dem Nummernschild des entgegenkommenden Fahrzeugs. In Bayern freut er sich kindisch über das entgegenkommende Stückchen Heimat. Sitzt er beim Bayrischen Schmankerl in einer Gäststätte und seine entwöhnten Ohren vernehmen heimatliche Klänge am Nebentisch, sucht er rasch den sozialen Kontakt zu dem Taler. „Wo wohnsse?“, ist absolutes Tabu. „Wir sind doch all zusammen Leute aus'm Tal“, nach dem Motto der Striekspöen für engeres Zusammenrücken und Gemeinschaftssinn, findet nur weiter weg vom Zuhause gehörig Einklang. Gerne wird aus dem Bayrischen Leberkäse & Co. ein gemütlicher Abend mit Ende offen. Was versteh'n wir uns Wuppertaler gut, ist dann das Oberthema während des gesamten Aufenthaltes.

Sollten sich die Urlaubsbekanntschaften zufällig im Tale mal wiedersehen, wäre allerdings eine falsche Ortsteilzugehörigkeit eher der Grund, den anderen dann doch nicht zu grüßen, selbst im Zoo oder so.


Günter van Ongerbarmen am 22.1.11 11:35

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